5. Mai 2017 Volker Külow

LINKE. Leipzig - Marx Gedenken

Anlässlich des 199. Geburtstages von Karl Marx haben GenossInnen von DIE LINKE. Leipzig heute am Denkmal "Karl Marx und das revolutionäre, weltverändernde Wesen seiner Lehre" an den sozialistischen Denker gedacht. Dazu hielt Volker Külow eine würdige Ansprache. Diese dokumentieren wir hier:


"Heute begehen wir am Leipziger Marx-Relief den 199. Geburtstag des bärtigen Welterklärers aus Trier. Bekanntlich werfen bereits die bevorstehenden Feierlichkeiten seines runden 200. Geburtstages im nächsten Jahr ihre langen Schatten voraus. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Helle Panke haben deshalb die Online-Plattform „marx200.org“ ins Leben gerufen. Dieses Portal will Aktivitäten rund um die Jubiläen sammeln, veröffentlichen und verbreiten, es soll aber auch weitergehende Informationen liefern, Diskussionen anstoßen und abbilden. Wer mehr darüber erfahren will, findet dazu im heutigen nd ein interessantes Interview. 
Es gibt aber nicht nur eine verstärkte virtuelle Vorbereitung auf das Marxjubiläum 2018. Auch einst abgewickelte und seit vielen Jahren versteckte Kunstwerke sollen wieder ans Licht geholt werden und die Wiederkehr von Marx anzeigen. In Jena hat der Stadtrat vor kurzem mit Zweidrittelmehrheit beschlossen, die 1992 abgebaute Karl-Marx-Büste an der Jenenser Universität, wo Marx 1841 in Abwesenheit promoviert wurde, wieder aufzustellen. Den entsprechenden Antrag hatte unsere Fraktion im Stadtrat gestellt. Die CDU schäumt natürlich. Auf der Homepage der Partei ist die Plastik  mit dicken roten Balken durchgestrichen. Darüber steht: „Keine DDR-Propaganda im öffentlichen Raum.“   

Die CDU hatte auch große Magenschmerzen mit einem Geschenk aus China an die Geburtsstadt von Karl Marx. 2018 wird in Trier bekanntlich eine Statue aus dem „Reich der Mitte“ aufgestellt, die mit Podest 6,30 Meter misst, also fast so groß ist wie der Nischl in Chemnitz ohne Sockel. Natürlich gönnen wir Trier nicht nur dieses schöne Denkmal, sondern wünschen auch der großen  kulturhistorischen Landesausstellung „Karl Marx 1818 – 1883. Leben. Werk. Zeit“ viel Vielleicht bekommen wir ja von dem erhofften Zustrom chinesischer Touristen auch in Sachsen, speziell in Leipzig, was ab.
Die zunehmende Besucherzahl aus Fernost in Trier oder in Wuppertal, der Geburtsstadt von Friedrich Engels, ist nur ein Indiz für das weltweit zunehmende Interesse an Marx. In den letzten Jahren wurde ja wiederholt die „Rückkehr von Marx“ festgestellt, zunächst um die Jahrtausendwende, als die sogenannte Globalisierung diskutiert wurde, dann noch einmal nach der großen Finanzkrise 2007/2008. Zu verdanken ist diese Renaissance der bis heute anhaltenden Marx-Aneignung, die vor gut 50 Jahren - um 1968 herum – begann und seinerzeit von den neuen sozialen Bewegungen mit ihrem Bedürfnis nach Gesellschaftskritik ausgelöst wurde. So lange der Kapitalismus herrscht, ist Marx nicht tot zu kriegen.
Somit ist auch noch nicht endgültig entschieden, was die Gesellschaftskritik des großen Denkers und Revolutionärs künftig bewirken wird. Das gilt sowohl für den bevorstehenden 150. Jahrestag der Erstveröffentlichung des Kapitals als auch den 100. Jahrestag der verschiedenen Revolutionen in Russland und Deutschland. Diese historischen Ereignisse kehren nicht allein als Datum und Faktum wieder, sondern auch, weil ihre Wirkungen noch nicht abgeschlossen sind und ihre Bedeutung nicht endgültig entschieden ist. Sie sind Botschaften durch die Zeit, halb geöffnete Türen in der Geschichte, die unabgeschlossenen, unvollendeten und unbeantworteten Fragen vergangener und zukünftiger Emanzipationsbewegungen.
Das ökonomische Hauptwerk „Das Kapital“, dessen erster Band vor 150 Jahren bei Wigand in Leipzig gedruckt wurde - wir alle kennen die Gedenktafel am Roßplatz - steht im Jahr 2017 wieder verstärkt im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das hat viel mit dem bedrückenden Zustand der Welt im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu tun. Der vom Neoliberalismus geprägte globale Kapitalismus befindet sich längst in einer Mehrfachkrise. Verschiedene Formen von Gewalt nehmen zu und prägen immer stärker die „neue“ kannibalische Weltordnung: (imperialistische) Kriege, Repressionen, Ungleichheit jeder Art, autoritärer Rechtspopulismus und Neofaschismus, massive Aushöhlung der Demokratie, Zerstörung der Umwelt im planetarischen Maßstab, gigantische Finanz-Crashs usw. Auch in den reichen Ländern des Westens und in der EU wachsen Armut, soziale Unsicherheit und Abstiegsängste. Die Bürgerinnen und Bürger verlieren immer mehr Einfluss auf politische Entscheidungen, wohingegen Lobbyisten, ökonomische Eliten und insbesondere internationale Konzerne ihre Macht ausbauen können.
Die grenzenlose Gier des neoliberalen Kapitalismus, wie sie insbesondere in der Finanzkrise 2008 zum Ausdruck kam, hat die erstmals von Marx analysierte  Akkumulationsdynamik weiter verstärkt. Mittlerweile hat diese den gesamten Planeten erfasst. Das grenzenlose Wachstum hat ein neues Erdzeitalter geschaffen, das die Wissenschaft offiziell als „Anthropozän“ bezeichnet, d.h. eine vom Menschen gestaltete Erdepoche. Der präzisere Ausdruck wäre aber zweifellos „Kapitalozän“, wie ihn einige marxistische Ökonomen verwenden, darunter Prof. Elmar Altvater.

Mit dieser Bezeichnung knüpfen sie an die Analyse der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft an, wie sie Marx im „Kapital“ aufgezeigt hat. Obwohl der Stil ziemlich sperrig ist, übt Marx’ Hauptwerk weiterhin einen ungeheuren Sog aus. Es ist bis heute ein Bestseller und erreicht Verkaufszahlen, von denen die lebenden Ökonomen nur träumen können. Ein Exemplar der Erstausgabe ist übrigens neulich bei einer Auktion in Frankfurt/Main für 200.000 Euro versteigert worden. 

Marx’ Analyse ist immer noch aktuell. Es lohnt sich jedes Mal neu, in diesem wundervollen Buch zu blättern. Nicht zuletzt, weil der kühle, wissenschaftliche Ton, den Marx anschlägt, wiederholt von Passagen unterbrochen wird, die bis heute die Empörung der Leserschaft wecken. Scheinbar sind wir heute sehr weit entfernt von den damaligen frühkapitalistischen Zuständen, als 14-Stunden-Schichten von neunjährigen Kindern an der Tagesordnung waren und Marx – er ist sichtlich berührt – vom Tod „durch einfache Überarbeit“ der Putzmacherin Mary Ann Walkley nach 26 Stunden ohne Pause berichtet, weil sie die Prachtkleider der Prinzessin von Wales fertig machen musste. Wer denkt nicht bei einer solchen Stelle an die bedrückende Lage der Textilarbeiterinnen heute in Bangladesh oder anderswo?     

Zum Glück wehren sich weltweit immer mehr Menschen gegen diese unmenschlichen Zustände. Arbeitskämpfe und Proteste werden häufiger, die Konturen einer neuen internationalen Gewerkschaftsbewegung wachsen schrittweise heran. Die deutsche Linke und die Partei DIE LINKE dürfen bei diesen Kämpfen nicht abseits stehen. Wir haben in einem Hauptland des Imperialismus eine besondere Verantwortung, das Kräfteverhältnis zu Gunsten des gesellschaftlichen Fortschritts zu verändern. Im Erfurter Programm – und damit möchte ich zum Schluss kommen – heißt es exemplarisch:  „Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der kein Kind in Armut aufwachsen muss, in der alle Menschen in Frieden, Würde und sozialer Sicherheit leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse demokratisch gestalten können. Um dies zu erreichen, brauchen wir ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem: den demokratischen Sozialismus.“
Dieser strategische Ansatz sollte uns auch in den nächsten Monaten im Bundestagswahlkampf bis zum 24. September beseelen."