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Volker Külow

„Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“*

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg haben ein Leben und Werk hinterlassen, das bis heute für Millionen Menschen, beileibe nicht nur der linken Bewegung in Deutschland lebendig geblieben ist und für die Kämpfe der Gegenwart viele aktuelle Anregungen bietet. Es sind vor allem die Werte, für die beide und ihre damaligen Mistreiterinnen und Mistreiter gestritten haben: Frieden, Solidarität, Gerechtigkeit und wirkliche Demokratie, die von den Massen selbst erkämpft werden muss. Für eine linke Partei gibt es zugleich einen wichtigen strategischen Gebrauchswert ihrer Erbes: die Verbindung der sehr konkreten Tageskämpfe zur Durchsetzung der Interessen der Ausgebeuteten mit dem Ziel der sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft. Hier war für sie die Scheidelinie zwischen einer Politik, die sich lediglich Verhältnissen anpasst, und jener, die auf ihre befreiende Umgestaltung gerichtet ist. Rosa Luxemburg fand dafür 1903 den treffenden Begriff der „revolutionären Realpolitik“; drei Jahre später schrieb sie aus Warschau: „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark.“

Mit der revolutionären Realpolitik hat die die Linke in den letzten 100 Jahren viele sehr unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Eine solche Politik strebt danach, in der gegenwärtigen Gesellschaft Tendenzen zu stärken, die über den Kapitalismus hinausweisen. Sie sucht nach Bruchpunkten, um derartige Veränderungen unumkehrbar zu machen, hin zu einer weitergehenden Transformation der gesamten Gesellschaft. Revolutionäre Realpolitik ist praktische Politik im Konkreten mit transformatorischen Zielen und Mitteln. Jede und jeder kann jetzt für sich überlegen, wie nah dran oder weit weg die Partei DIE LINKE von diesem Ansatz ist. Ich selbst neige sehr den kritischen Überlegungen zu, die der Leipziger Soziologe und Genosse Prof. Ekkehard Lieberam am gestrigen Freitag in der „jungen Welt“ umfänglich dargelegt hat.

Ein zentraler Aspekt des Schaffens von Rosa Luxemburg bleibt bis heute zumeist unter Schuttbergen von Gemeinplätzen und hohler Bewunderung oder flacher Denunziation verborgen – ihre Politik des offenen, freien gefährlichen Wahrsprechens, des schutzlosen, nicht herrschaftsgeschützten Wahrheit-Heraussagens unter Inkaufnahme existenzieller Gefährdungen. Es war keineswegs eine Grille, wenn sie immer wieder auf folgendes Credo verwies: "Wie Lassalle sagte, ist und bleibt es immer die revolutionärste Tat: »laut zu sagen, was ist«.

Viele ihrer Schriften, aber auch Briefe, die inzwischen in sechs Bänden komplett veröffentlicht sind, zeugen von diesem Anspruch, der stets gepaart ist mit Heiterkeit und Zorn, mit Gelassenheit und Empörung. Zitieren möchte ich einen Brief, geschrieben nach ihrer Freilassung im November 1918, am Beginn der letzten freien und zugleich gejagten Wochen ihres Lebens: „Rücksichtsloseste revolutionäre Tatkraft und weitherzigste Menschlichkeit – dies allein ist der wahre Odem des Sozialismus. Eine Welt muss umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage….“

Hier kann und darf man auch das berühmteste Zitat Rosa Luxemburgs einordnen, das bis heute zumeist unverstanden geblieben ist. Im Unter­schied zu Band 4 der Werkausgabe, Seite 359, die 1974 in der DDR erschien, muss die berühmte Freiheitsme­ta­pher als integraler Textbestand­teil und nicht mehr nur als Fußnote in ihrem Werk zur russischen Revolution betrachtet werden. Den damit verbundenen Erkenntnisgewinn hat bislang niemand so treffend kommentiert, wie der leider 2017 viel früh verstorbener Leipziger Philosoph Volker Caysa. „Betont sei hier“, so argu­mentiert er in seinem fulminanten Luxemburg-Essay im Heft 13 der Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, „dass es Rosa Luxemburg nicht einfach um die »Freiheit der An­ders­denkenden« geht, sondern um die »Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äussern«. Wer meint, diese Anfügung »sich zu äussern« laufe auf eine Einschränkung des Luxem­burgschen Freiheits­begriffs hinaus oder es handle sich hier sogar um eine möglicherweise verfälschende Nebensächlichkeit, verfehlt Rosa Luxem­burgs Freiheitsauffassung. Denn hier geht es nicht »nur« um Meinungs­freiheit, sondern um öffentliche Freiheit, also um einen seman­tischen Unter­schied ersten Grades. Es gibt keine Hand­lungsfreiheit ohne öffentliche Freiheit … öffentliche Freiheit ist Bedin­gung der Möglich­keit von Handlungsfreiheit überhaupt. Mit der Freiheit der Parrhesia beginnt erst die Befreiung und die Freiheit. Ohne die Möglichkeit sich frei in der Öffent­lichkeit per Presse, Vereins- und Versammlungsleben zu äußern, ohne »die Schule des öffentlichen Lebens«, hat die Idee der Freiheit keine Wirklichkeit für die Volks­massen.“

* Auszüge aus der Rede von Dr. Volker Külow am 2. Februar in Linhardt (Naunhof) anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die alljährlich von DIE LINKE Naunhof, Parthestein/Belgerhain durchgeführt wird.


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Volker Külow

„Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“*

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg haben ein Leben und Werk hinterlassen, das bis heute für Millionen Menschen, beileibe nicht nur der linken Bewegung in Deutschland lebendig geblieben ist und für die Kämpfe der Gegenwart viele aktuelle Anregungen bietet. Es sind vor allem die Werte, für die beide und ihre damaligen Mistreiterinnen und Mistreiter gestritten haben: Frieden, Solidarität, Gerechtigkeit und wirkliche Demokratie, die von den Massen selbst erkämpft werden muss. Für eine linke Partei gibt es zugleich einen wichtigen strategischen Gebrauchswert ihrer Erbes: die Verbindung der sehr konkreten Tageskämpfe zur Durchsetzung der Interessen der Ausgebeuteten mit dem Ziel der sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft. Hier war für sie die Scheidelinie zwischen einer Politik, die sich lediglich Verhältnissen anpasst, und jener, die auf ihre befreiende Umgestaltung gerichtet ist. Rosa Luxemburg fand dafür 1903 den treffenden Begriff der „revolutionären Realpolitik“; drei Jahre später schrieb sie aus Warschau: „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark.“

Mit der revolutionären Realpolitik hat die die Linke in den letzten 100 Jahren viele sehr unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Eine solche Politik strebt danach, in der gegenwärtigen Gesellschaft Tendenzen zu stärken, die über den Kapitalismus hinausweisen. Sie sucht nach Bruchpunkten, um derartige Veränderungen unumkehrbar zu machen, hin zu einer weitergehenden Transformation der gesamten Gesellschaft. Revolutionäre Realpolitik ist praktische Politik im Konkreten mit transformatorischen Zielen und Mitteln. Jede und jeder kann jetzt für sich überlegen, wie nah dran oder weit weg die Partei DIE LINKE von diesem Ansatz ist. Ich selbst neige sehr den kritischen Überlegungen zu, die der Leipziger Soziologe und Genosse Prof. Ekkehard Lieberam am gestrigen Freitag in der „jungen Welt“ umfänglich dargelegt hat.

Ein zentraler Aspekt des Schaffens von Rosa Luxemburg bleibt bis heute zumeist unter Schuttbergen von Gemeinplätzen und hohler Bewunderung oder flacher Denunziation verborgen – ihre Politik des offenen, freien gefährlichen Wahrsprechens, des schutzlosen, nicht herrschaftsgeschützten Wahrheit-Heraussagens unter Inkaufnahme existenzieller Gefährdungen. Es war keineswegs eine Grille, wenn sie immer wieder auf folgendes Credo verwies: "Wie Lassalle sagte, ist und bleibt es immer die revolutionärste Tat: »laut zu sagen, was ist«.

Viele ihrer Schriften, aber auch Briefe, die inzwischen in sechs Bänden komplett veröffentlicht sind, zeugen von diesem Anspruch, der stets gepaart ist mit Heiterkeit und Zorn, mit Gelassenheit und Empörung. Zitieren möchte ich einen Brief, geschrieben nach ihrer Freilassung im November 1918, am Beginn der letzten freien und zugleich gejagten Wochen ihres Lebens: „Rücksichtsloseste revolutionäre Tatkraft und weitherzigste Menschlichkeit – dies allein ist der wahre Odem des Sozialismus. Eine Welt muss umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage….“

Hier kann und darf man auch das berühmteste Zitat Rosa Luxemburgs einordnen, das bis heute zumeist unverstanden geblieben ist. Im Unter­schied zu Band 4 der Werkausgabe, Seite 359, die 1974 in der DDR erschien, muss die berühmte Freiheitsme­ta­pher als integraler Textbestand­teil und nicht mehr nur als Fußnote in ihrem Werk zur russischen Revolution betrachtet werden. Den damit verbundenen Erkenntnisgewinn hat bislang niemand so treffend kommentiert, wie der leider 2017 viel früh verstorbener Leipziger Philosoph Volker Caysa. „Betont sei hier“, so argu­mentiert er in seinem fulminanten Luxemburg-Essay im Heft 13 der Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, „dass es Rosa Luxemburg nicht einfach um die »Freiheit der An­ders­denkenden« geht, sondern um die »Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äussern«. Wer meint, diese Anfügung »sich zu äussern« laufe auf eine Einschränkung des Luxem­burgschen Freiheits­begriffs hinaus oder es handle sich hier sogar um eine möglicherweise verfälschende Nebensächlichkeit, verfehlt Rosa Luxem­burgs Freiheitsauffassung. Denn hier geht es nicht »nur« um Meinungs­freiheit, sondern um öffentliche Freiheit, also um einen seman­tischen Unter­schied ersten Grades. Es gibt keine Hand­lungsfreiheit ohne öffentliche Freiheit … öffentliche Freiheit ist Bedin­gung der Möglich­keit von Handlungsfreiheit überhaupt. Mit der Freiheit der Parrhesia beginnt erst die Befreiung und die Freiheit. Ohne die Möglichkeit sich frei in der Öffent­lichkeit per Presse, Vereins- und Versammlungsleben zu äußern, ohne »die Schule des öffentlichen Lebens«, hat die Idee der Freiheit keine Wirklichkeit für die Volks­massen.“

* Auszüge aus der Rede von Dr. Volker Külow am 2. Februar in Linhardt (Naunhof) anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die alljährlich von DIE LINKE Naunhof, Parthestein/Belgerhain durchgeführt wird.