Ein Angriff auf einen von uns ist ein Angriff auf uns alle

Die Linke Leipzig

Beschluss des Stadtvorstandes Die Linke Leipzig

Liebe Genoss*innen,

wie wir bereits in unserem Statement „Keine Mobilisierung zum 17. Januar - Solidarität mit Jule Nagel und dem linXXnet“ am 08. Januar 2026 erwähnt haben, gab es am 02.11.2025 einen Vorfall, bei dem einer unserer Genossen körperlich verletzt wurde.

In unserer Partei gilt das Credo, „ein Angriff auf eine*n von uns ist ein Angriff auf uns alle“. Deswegen möchten wir Euch als Stadtvorstand, auf Wunsch des Betroffenen, darüber in Kenntnis setzen, was an diesem Tag in Connewitz passiert ist und unmissverständlich klar machen, dass wir uneingeschränkt solidarisch mit dem Betroffenen sind.

Dies gilt umso mehr, da der Betroffene in unserem Stadtverband organisiert ist und bis zur Situation vor Ort nicht Teil des Konflikts war, sondern als unbeteiligte Person aufgrund von Kontaktschuld angegriffen wurde.

Wir möchten ebenfalls ausdrücken, dass Solidarität bei Angriffen, vor allem wenn sie körperlicher Natur sind, bei Basismitgliedern genauso wichtig wie bei prominenten Genoss*innen ist - gerade, weil es in diesen Fällen weniger Aufmerksamkeit in den Medien gibt.

Was ist passiert?

Am 02.11.2025 fand in Leipzig-Connewitz die Kundgebung „Antifa heißt Kampf gegen jeden Antisemitismus“ der Gruppe AK7030 statt. Der Betroffene befand sich während der Kundgebung nicht vor Ort. Erst nach deren Abschluss kehrte er nach Leipzig zurück und traf sich mit Freund*innen vor einem Spätverkauf in der Bornaischen Straße südlich des Connewitzer Kreuzes.

Die Freund*innen der Person sind palästinasolidarische Menschen aus Connewitz. Einige von ihnen trugen an diesem Abend Kufiya. Es kam zu Wortwechseln zwischen den Freund*innen der betroffenen Person und Teilnehmenden der Kundgebung, die an diesem Tag in Connewitz stattgefunden hat.

Daraufhin trat eine Person, die sich bis dahin nicht geäußert hatte, aus der Gruppe heraus und ging aggressiv mit einem schweren Kettenschloss bewaffnet auf die betroffene Person zu und schlug mit dem Schloss wie mit einer Peitsche auf die Person ein.

Anders als in dem Beitrag des MDR ausgedrückt, welcher die beschriebene Szene zeigt, verfehlte das Schloss die betroffene Person nicht, sondern streifte ihn am Kopf. Die Diagnose des Arztes am nächsten Tag war eine Prellung und eine leichte Gehirnerschütterung. Wenn das Schloss allerdings wenige Zentimeter weiter einschlagen wäre, hätte der Aufprall tödlich enden können.

Wir müssen also klar benennen, dass der Angriff lebensgefährlich war.

Auch wenn die Ermittlungen der Polizei bisher keine Ergebnisse erbracht haben, ist für uns klar, dass wir uneingeschränkt solidarisch an der Seite unseres Genossen stehen. So reiht sich dieser Vorfall in eine lange Reihe von Angriffen auf (vermeintlich) palästinasolidarische Personen in Connewitz ein.

Wir, der Stadtvorstand Die Linke Leipzig, erkennen die Schilderungen der betroffenen Person an und wir begreifen den Vorfall in Anlehnung an unseren erneuerten Grundkonsens als bewusst verübte Gewalttat, welche unserem feministischen Grundkonsens und somit bestehender Beschlusslage für einen gewaltfreien Umgang widerspricht.

Außerdem erkennen wir an, dass diese beschriebene Erfahrung nicht in dem Ausmaß thematisiert wurde, wie es angemessen gewesen wäre. Dies bezieht sich auch auf die öffentlichkeits- und medienwirksamen Darstellungen sowie Teile der parteiinternen Darstellungen der Vorkommnisse im Vorfeld der Demonstration am 17.01.26. Diese haben das Anliegen der ursprünglichen Demonstration, sich gegen Gewalt und Repressionen einzusetzen und den Betroffenen Gehör zu verschaffen, verschoben und de facto zu einer Ignoranz sowie Aberkennung der Betroffenenperspektive auch unseres Genossen geführt.

Somit müssen wir uns eingestehen, dass sich deshalb die betroffene Person bis heute nicht ausreichend von den Parteistrukturen auf Stadt-, Landes- und Bundesebene aufgefangen fühlt.

In einem ersten Schritt möchten wir entsprechend auf die Wünsche und Bitten der betroffenen Person eingehen und ziehen hieraus folgende Schlussfolgerungen:

  1. Die Erfahrungen von körperlichen Angriffen auf palästinasolidarische Menschen aufgrund der Palästinasolidarität sind real und dürfen in unserer Partei nicht geduldet oder relativiert werden.
     
  2. Antipalästinensischer Rassismus spielt dabei eine zentrale Rolle. In diesem Zusammenhang müssen wir innerhalb der Partei hierzu mehr Sensibilisierungund Bildungsangebote schaffen, um strukturell in unseren Reihen daran zu arbeiten.
     
  3. Diese Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern wird schrittweise geduldet und hat somit strukturelle Ursachen, wie eine Unterordnung an die Staatsräson.
     
  4. Wir betonen hiermit, dass Palästinasolidarität ihren Platz in einer sozialistischen Partei hat und kein Mitglied aufgrund von Solidaritätsbekundungen oder propalästinensischen Positionen von Angst oder Gewalt betroffen sein darf.
     
  5. Im Sinne der kollektiven Verantwortungsübernahme trägt auch der Stadtvorstand die Verantwortung dafür, dass Vorfälle wie dieser sorgfältig aufgearbeitet werden und strukturelle Antworten gefunden werden, dass diese sich nicht wiederholen, nicht zum stillen Rückzug von Betroffenen oder Ohnmacht bzw. Verzweiflung zu einer Reproduktion von Gewalt führen.
     
  6. Der Stadtvorstand steht solidarisch an der Seite der von Gewalt und Diskriminierung Betroffenen und erkennt diese Betroffenheiten ohne Beweisführung an und agiert betroffenenzentriert sowie parteilich.
     
  7. Der Stadtvorstand setzt sich für eine kritische Auseinandersetzung ein, um zu klären, inwiefern Stellungnahmen aus unserer Partei heraus zur Umdeutung des Demonstrationsanliegens sowie zur Steigerung der medialen Reichweite und Aufmerksamkeit beigetragen haben und somit eine Aberkennung von Betroffenenperspektiven erfolgte.
     

Wir wollen hiermit längst überfällige Transparenz schaffen und auch unsere eigene Rolle kritisch hinterfragen, aus welchen Gründen, dieser Vorfall nicht bei unseren entsprechenden unabhängigen Anlaufstellen vorgestellt wurde und unsererseits nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommen hat.

Wir tragen alle kollektiv die Verantwortung, um für eine gewalt- und diskriminierungsfreie Welt einzutreten und das durch Beschlusslage und unsere Mitgliedschaft.

Wir laden alle Genoss*innen ein, dies auch zu tun und alles dafür zu geben, diese Partei zu einem Ort zu machen, in dem wir alle das Gefühl haben, bei Betroffenheit unterstützt zu werden.

Viele solidarische Grüße
Johannes Schmidt & Nina Treu
Vorsitzende Die Linke Leipzig für den Vorstand Die Linke Leipzig