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AG Senioren u.a.

Am Leben bleiben – im Leben sein - Auskünfte einer Risikogruppe

Wir sind die Gruppe schreibender Seniorinnen und Senioren Leipzig und zweifelsohne das, was man eine Risikogruppe nennt.

Seit 1982 gibt es unseren Kreis, einige sind seit Jahrzehnten dabei, für andere gehört unser Dialog am Donnerstag erst seit wenigen Jahren zu ihrem Leben. Wir sind einander wichtig geworden weit über das gemeinsame Interesse am Schreiben hinaus. Das schließt auch die Sorge umeinander, die Verantwortung füreinander ein. Doch wer hat bis März 2020 gedacht, dass es eine Zeit geben könnte, in der die stärkste Form der Zuneigung darin bestehen würde, einander räumlich fern zu bleiben?

Die Menschen mit dem höchsten gesundheitlichen Risiko müssen den größtmöglichen Schutz erhalten, hörten wir und waren dankbar dafür. Es würde uns helfen, am Leben zu bleiben. Aber reicht uns das? Wir wollten doch mitten drin sein. Und das wollen wir noch immer. Als wir einander von einer Woche zur nächsten nicht mehr treffen konnten, jeder auf sich selbst zurückgeworfen war, kam Ratlosigkeit und schließlich Angst. Angst vor dem Alleinsein. Einige Schreibfreunde haben die 80 und sogar die 90 überschritten, sie haben Krieg und Nachkrieg erlebt, nicht selten Flucht und Vertreibung. Wir hatten gerade über diese Zeit geschrieben, uns anderer Ängste erinnert.

Aber das hier - es war, als ob der Alltag einzufrieren begann. Doch wir wollten für uns keine Frost-Periode, wir wollten versuchen, die Zeit für uns produktiv zu machen. So starteten wir unser Tagebuch-Projekt. Wir schrieben auf, wie jeder von uns mit dieser neuen Situation umgeht, hielten fest, welche Gedanken uns bewegen, notierten, was am Tag geschieht, Gewohntes, Überraschendes. Mancher konnte auch von neuen Begegnungen erzählen, von Entdeckungen mit der Kamera oder von plötzlich erwachter Freude an Farben und Aquarellpapier. Handarbeiten entstanden, Nachbarn wurden auf einmal wichtiger. Kontakte zur Familie veränderten sich, Besuche waren nur noch eingeschränkt möglich, das Bild des Enkels kam vom Smartphone, manchmal auch per Brief.

Mehr als fünfzehn Monate sind vergangen, Corona ist noch da, doch unsere Hoffnung, unser Lebenswille sind es auch. Deshalb wollen wir Sie einladen, an unserem Projekt teilzunehmen. Vielleicht haben Sie schon immer gern geschrieben - wenn Sie mögen, können Sie uns gern wissen lassen, woran Sie Freude haben und was Ihnen Sorge bereitet. Schreiben Sie Tagebuchblätter oder schicken Sie uns einen Brief, wir freuen uns über jede Nachricht von Ihnen. Auch Geschichten und Gedichte sind willkommen. Sie können uns gern Fotos oder Videos einsenden oder malend und zeichnend Auskunft über Ihre Zeit unter Corona geben.

Wir werden jedem Einsender persönlich antworten und Ihnen ein Angebot machen zum Gespräch oder auch zur Teilnahme an einer künstlerischen Werkstatt. Vielleicht machen wir dann zusammen ein Corona-Tagebuch? Um Ihre Einsendung bitten wir Sie bis zum 12. Oktober 2021.

Lassen Sie uns gemeinsam immer wieder neu Mut fassen und einander mitnehmen ins Über-Leben.

Ihre Gruppe schreibender Seniorinnen und Senioren Leipzig

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Aus dem Corona-Tagebuch von Brigitte N., Jahrgang 1939

19. April 2020: Ab morgen gilt die Maskenpflicht. Rolf meint dazu: „Für manche ist das vielleicht ein Vorteil.“ Unser Leben verläuft jetzt wie nach der Uhr. Alles machen wir so, wie am Vortag und zur gleichen Zeit. Am Nachmittag laufen wir eine wenig belebte Seitenstraße entlang. Es ist nicht schön und nicht grün dort. Aber wir sind im Freien und treffen wenig Menschen. In Leipzig werden heute 518 Infizierte gemeldet. In Sachsen sind es 4277.

20. April 2020: Heute hat eine Schreibfreundin Geburtstag. Sie wird 80 Jahre und hatte eine schöne Feier mit Freunden und Verwandten geplant und angezahlt. Nun sitzt sie allein zu Hause. Wäre sie 40 geworden, könnte sie die Gäste auf nächstes Jahr vertrösten. Dann wird doppelt gefeiert! Geht das noch mit 80? Ich freue mich darüber, dass sie doch noch draußen in der Natur mit lieben Menschen zu ihrer Feier gekommen ist. In Sachsen werden heute 4323 Erkrankte gemeldet, in Leipzig 6 mehr als am Vortag, 524.

21. April 2020: Warum nervt mich dieser Zustand so? Ich bin mit dem Mundschutz unterwegs in der Kaufhalle, in der Apotheke und beim Arzt. Im Freien halte ich den Stoff vor meiner Nase nicht aus. Immer, wenn ich den Mundschutz aufsetze, muss ich die Brille abnehmen, weil sie sonst beschlägt. Ohne Brille sehe ich Kleingedrucktes nicht und muss sie mir vor die Nase halten.  Halb drei wecke ich Rolf, um mit ihm, wie seit Wochen, den gleichen Weg zu gehen. Er schläft am Tag zu viel. Ich muss ihn immer wieder aufrütteln. In Leipzig wurden heute 528 Erkrankte gemeldet, in Sachsen 4342.

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Am Leben bleiben – im Leben sein. Auskünfte einer Risikogruppe

Ein Projekt des Netzwerks älterer Frauen Sachsen e.V.

Kooperationspartner: Behindertenverband Leipzig e. V./ AG 60Plus / AG Senioren / Frauenunion / Seniorenunion / Quartiersmanagement Grünau / Radio Blau

Projektleitung: Roswitha Scholz, Leiterin der Gruppe schreibender Seniorinnen und Senioren Leipzig

Eine Teilnahme am Projekt ist auf folgendem Weg möglich:

Postadresse:

Netzwerk älterer Frauen Sachsen e.V., Herrmann-Meyer-Straße 38, 04207 Leipzig

Stichwort: Auskünfte

Einsendungen per E-Mail und Fragen zum Projekt über roswitha_scholz_dvak@gmx.de Telefon: 0176 47 66 39 25

Anfragen sind auch über das Festnetz der Bücherstube Meyersdorf möglich: 0341 69 90 30 41

(in der Regel montags, mittwochs und freitags von 13 bis 19 Uhr)

Termine


AG Senioren u.a.

Am Leben bleiben – im Leben sein - Auskünfte einer Risikogruppe

Wir sind die Gruppe schreibender Seniorinnen und Senioren Leipzig und zweifelsohne das, was man eine Risikogruppe nennt.

Seit 1982 gibt es unseren Kreis, einige sind seit Jahrzehnten dabei, für andere gehört unser Dialog am Donnerstag erst seit wenigen Jahren zu ihrem Leben. Wir sind einander wichtig geworden weit über das gemeinsame Interesse am Schreiben hinaus. Das schließt auch die Sorge umeinander, die Verantwortung füreinander ein. Doch wer hat bis März 2020 gedacht, dass es eine Zeit geben könnte, in der die stärkste Form der Zuneigung darin bestehen würde, einander räumlich fern zu bleiben?

Die Menschen mit dem höchsten gesundheitlichen Risiko müssen den größtmöglichen Schutz erhalten, hörten wir und waren dankbar dafür. Es würde uns helfen, am Leben zu bleiben. Aber reicht uns das? Wir wollten doch mitten drin sein. Und das wollen wir noch immer. Als wir einander von einer Woche zur nächsten nicht mehr treffen konnten, jeder auf sich selbst zurückgeworfen war, kam Ratlosigkeit und schließlich Angst. Angst vor dem Alleinsein. Einige Schreibfreunde haben die 80 und sogar die 90 überschritten, sie haben Krieg und Nachkrieg erlebt, nicht selten Flucht und Vertreibung. Wir hatten gerade über diese Zeit geschrieben, uns anderer Ängste erinnert.

Aber das hier - es war, als ob der Alltag einzufrieren begann. Doch wir wollten für uns keine Frost-Periode, wir wollten versuchen, die Zeit für uns produktiv zu machen. So starteten wir unser Tagebuch-Projekt. Wir schrieben auf, wie jeder von uns mit dieser neuen Situation umgeht, hielten fest, welche Gedanken uns bewegen, notierten, was am Tag geschieht, Gewohntes, Überraschendes. Mancher konnte auch von neuen Begegnungen erzählen, von Entdeckungen mit der Kamera oder von plötzlich erwachter Freude an Farben und Aquarellpapier. Handarbeiten entstanden, Nachbarn wurden auf einmal wichtiger. Kontakte zur Familie veränderten sich, Besuche waren nur noch eingeschränkt möglich, das Bild des Enkels kam vom Smartphone, manchmal auch per Brief.

Mehr als fünfzehn Monate sind vergangen, Corona ist noch da, doch unsere Hoffnung, unser Lebenswille sind es auch. Deshalb wollen wir Sie einladen, an unserem Projekt teilzunehmen. Vielleicht haben Sie schon immer gern geschrieben - wenn Sie mögen, können Sie uns gern wissen lassen, woran Sie Freude haben und was Ihnen Sorge bereitet. Schreiben Sie Tagebuchblätter oder schicken Sie uns einen Brief, wir freuen uns über jede Nachricht von Ihnen. Auch Geschichten und Gedichte sind willkommen. Sie können uns gern Fotos oder Videos einsenden oder malend und zeichnend Auskunft über Ihre Zeit unter Corona geben.

Wir werden jedem Einsender persönlich antworten und Ihnen ein Angebot machen zum Gespräch oder auch zur Teilnahme an einer künstlerischen Werkstatt. Vielleicht machen wir dann zusammen ein Corona-Tagebuch? Um Ihre Einsendung bitten wir Sie bis zum 12. Oktober 2021.

Lassen Sie uns gemeinsam immer wieder neu Mut fassen und einander mitnehmen ins Über-Leben.

Ihre Gruppe schreibender Seniorinnen und Senioren Leipzig

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Aus dem Corona-Tagebuch von Brigitte N., Jahrgang 1939

19. April 2020: Ab morgen gilt die Maskenpflicht. Rolf meint dazu: „Für manche ist das vielleicht ein Vorteil.“ Unser Leben verläuft jetzt wie nach der Uhr. Alles machen wir so, wie am Vortag und zur gleichen Zeit. Am Nachmittag laufen wir eine wenig belebte Seitenstraße entlang. Es ist nicht schön und nicht grün dort. Aber wir sind im Freien und treffen wenig Menschen. In Leipzig werden heute 518 Infizierte gemeldet. In Sachsen sind es 4277.

20. April 2020: Heute hat eine Schreibfreundin Geburtstag. Sie wird 80 Jahre und hatte eine schöne Feier mit Freunden und Verwandten geplant und angezahlt. Nun sitzt sie allein zu Hause. Wäre sie 40 geworden, könnte sie die Gäste auf nächstes Jahr vertrösten. Dann wird doppelt gefeiert! Geht das noch mit 80? Ich freue mich darüber, dass sie doch noch draußen in der Natur mit lieben Menschen zu ihrer Feier gekommen ist. In Sachsen werden heute 4323 Erkrankte gemeldet, in Leipzig 6 mehr als am Vortag, 524.

21. April 2020: Warum nervt mich dieser Zustand so? Ich bin mit dem Mundschutz unterwegs in der Kaufhalle, in der Apotheke und beim Arzt. Im Freien halte ich den Stoff vor meiner Nase nicht aus. Immer, wenn ich den Mundschutz aufsetze, muss ich die Brille abnehmen, weil sie sonst beschlägt. Ohne Brille sehe ich Kleingedrucktes nicht und muss sie mir vor die Nase halten.  Halb drei wecke ich Rolf, um mit ihm, wie seit Wochen, den gleichen Weg zu gehen. Er schläft am Tag zu viel. Ich muss ihn immer wieder aufrütteln. In Leipzig wurden heute 528 Erkrankte gemeldet, in Sachsen 4342.

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Am Leben bleiben – im Leben sein. Auskünfte einer Risikogruppe

Ein Projekt des Netzwerks älterer Frauen Sachsen e.V.

Kooperationspartner: Behindertenverband Leipzig e. V./ AG 60Plus / AG Senioren / Frauenunion / Seniorenunion / Quartiersmanagement Grünau / Radio Blau

Projektleitung: Roswitha Scholz, Leiterin der Gruppe schreibender Seniorinnen und Senioren Leipzig

Eine Teilnahme am Projekt ist auf folgendem Weg möglich:

Postadresse:

Netzwerk älterer Frauen Sachsen e.V., Herrmann-Meyer-Straße 38, 04207 Leipzig

Stichwort: Auskünfte

Einsendungen per E-Mail und Fragen zum Projekt über roswitha_scholz_dvak@gmx.de Telefon: 0176 47 66 39 25

Anfragen sind auch über das Festnetz der Bücherstube Meyersdorf möglich: 0341 69 90 30 41

(in der Regel montags, mittwochs und freitags von 13 bis 19 Uhr)